Die Nacht, in der der Morgen verschwand – Kapitel 1: Das siebte Läuten

Illustration: Hafenstadt Tiraven mit Uhrturm und einem Schiff unter einer dunklen Sonne
Tiraven vor dem ausbleibenden Morgen · KI-generierte Illustration

Als die Glocke zum siebten Mal schlug, war es noch immer Nacht.

Lio stand auf der Leiter vor dem Uhrwerk und hielt einen Schraubenschlüssel zwischen den Zähnen. Unter ihm schnarchte Meister Deren in einem Sessel. An den Wänden tickten dreiundvierzig Uhren. Keine zeigte dieselbe Zeit. Das war in der Werkstatt gewöhnlich. Dass alle dreiundvierzig zugleich stehen blieben, war es nicht.

Lio nahm den Schlüssel aus dem Mund. Die Pendel hingen reglos. Im großen Turmwerk hatte sich ein Zahn verbogen. Er berührte ihn mit der Fingerspitze. Warm. Nicht handwarm. So warm wie eine Tasse, die man besser noch nicht anfasst.

„Meister?“

Deren brummte etwas über die Rechnung des Bäckers.

„Es wird nicht hell.“

Jetzt öffnete der alte Mann die Augen.

Durch das Werkstattfenster sah man das Meer. Gewöhnlich erschien über den flachen Inseln zuerst ein grauer Streifen. Dann wurden die Dächer von Tiraven sichtbar, die Möwen begannen zu streiten und unten im Hafen schimpften die Fischer über das Wetter. Heute lagen die Schiffe wie ausgeschnittene Schatten im Wasser. Kein grauer Streifen. Keine Möwen.

Deren stand auf. Er zog die Taschenuhr aus seiner Weste, öffnete sie und schloss sie sofort wieder. Lio hatte einen Blick auf das Zifferblatt erhascht. Dort waren keine Zeiger gewesen. Nur ein schwarzer Kreis.

„Du bleibst hier“, sagte Deren.

Er ging zur Tür. Noch bevor seine Hand den Riegel erreichte, klopfte jemand von draußen. Dreimal schnell, einmal langsam.

Deren sah Lio an. „Hast du die Hintertür abgeschlossen?“

„Ja.“

„Dann schließ sie auf.“

Das Klopfen wiederholte sich. Diesmal kam es von der Hintertür.

Lio stieg von der Leiter. „Wer ist das?“

Deren legte ihm eine Hand auf den Arm. Sein Griff war fest. „Wenn du deinen Namen hörst, antwortest du nicht.“

Dann machte er das Licht aus.

Im Dunkeln gingen die Uhren wieder an. Ein einzelnes Ticken. Noch eines. Dann ein Durcheinander aus langsamem Klacken und dünnem, hektischem Klicken. Lio konnte die Augen des Meisters kaum erkennen.

„Zu spät“, flüsterte Deren.

Etwas schob sich unter der Vordertür hindurch. Ein schmaler Streifen Papier, auf dem es blau schimmerte.

Lio bückte sich.

„Nicht anfassen.“

Aber er hatte das Papier bereits zwischen den Fingern.

Es war eine Karte von Tiraven. Er erkannte den Hafen, die Salzstufen und den Platz mit dem trockenen Brunnen. Mitten durch die Stadt verlief eine Straße, die es nicht gab. Sie begann hier, an der Werkstatt, und führte über das Wasser. Am Ende stand ein Wort: MORGEN.

Unter der Karte war eine Nachricht geschrieben. In seiner Handschrift.

Wenn die Sonne nicht kommt, geh zum Leuchtturm. Vertraue dem Mädchen mit dem roten Ärmel. Und lass Deren nicht die Uhr öffnen.

Lio sah auf. Der Meister hatte die Taschenuhr schon wieder in der Hand.

„Woher weißt du von der Karte?“, fragte Lio.

Deren antwortete nicht. Sein Daumen lag auf dem Verschluss. Aus dem Gehäuse drang Licht, fein wie ein Faden. Es lief über seine Finger und verschwand zwischen den Bodendielen.

Draußen sagte eine Stimme: „Lio?“

Es war die Stimme seiner Mutter. Lio hatte sie seit drei Jahren nicht gehört.

Der Meister zuckte zusammen.

„Sie ist es nicht.“

Wieder die Stimme. Näher. „Mach auf. Mir ist kalt.“

Lio sah zur Tür. Unter dem Riegel glänzte Wasser. Es sammelte sich in einer Pfütze, obwohl draußen kein Regen fiel. Mitten darin spiegelte sich eine helle Mittagssonne.

„Was haben Sie getan?“, fragte er.

Deren drückte die Taschenuhr gegen seine Brust. „Ich wollte einen Tag zurückhaben.“

Vom Hafen her ertönte ein Horn. Nicht das kurze Signal der Fischerboote. Ein tiefer Ton, der bis in Lios Zähne drang.

Die Karte bewegte sich in seiner Hand. Auf dem gezeichneten Meer erschien ein Schiff. Es hatte keine Segel. An seinem Bug hing eine Kette, und daran eine kleine, dunkle Sonne.

„Hör mir zu“, sagte Deren. „Der Morgen kommt nicht von allein zurück. Wenn das Schiff den Hafen verlässt, wird aus dieser Nacht ein Ort. Dann finden wir nicht mehr heraus.“

An der Hintertür schepperte der Riegel. Eine fremde Stimme rief: „Falls hier jemand lebt: Ich habe ungefähr noch eine Minute Geduld!“

Lio hielt die Karte unter die letzte brennende Kontrolllampe des Uhrwerks. Unten stand ein Datum. Das Datum des folgenden Tages. Neben seiner Unterschrift war ein Fleck, dunkelrot und schon trocken.

Er schob den Riegel der Hintertür zurück.

Ein Mädchen in einem gelben Hafenmantel stand vor ihm. Ihr rechter Ärmel war rot gefärbt. In der Linken hielt sie einen Bootshaken, in der Rechten die abgeschraubte Linse einer Laterne.

„Gut“, sagte sie. „Du bist noch nicht weg.“

„Kennen wir uns?“

Sie blickte auf die Karte. Dann auf seine Hände.

„Noch nicht.“

Hinter ihnen sprang Derens Taschenuhr auf.

Fortsetzung folgt.

Noch nicht.

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