Die Nacht, in der der Morgen verschwand – Kapitel 2: Der Weg, den es nicht gab

Lio und Nara auf dem Weg zum Leuchtturm (KI-generierte Illustration)Lio und Nara auf dem Weg zum Leuchtturm (KI-generierte Illustration)
Fantasy-Serie · Kapitel 2

Die Nacht, in der der Morgen verschwand

Der Weg, den es nicht gab

Derens Taschenuhr steht offen, ein unmöglicher Weg erscheint in Tiraven und Nara kennt Lio aus einem Morgen, der noch gar nicht gekommen ist.

✦ Kapitel 2◷ 8 Min. Lesezeit
Geschichte
Abschnitt 1

Als die Zeit zurücklief

Der Deckel der Taschenuhr sprang auf.

Es gab keinen Knall. Kein Licht, das die Werkstatt zerriss. Nicht einmal das Ticken der dreiundvierzig Uhren wurde lauter.

Stattdessen verschwand für einen Herzschlag jedes Geräusch.

Lio sah, wie Meister Deren den Mund öffnete. Er sah Nara – das Mädchen mit dem roten Ärmel – einen Schritt auf ihn zumachen. Er sah einen Wassertropfen von der Tischkante fallen.

Der Tropfen blieb mitten in der Luft hängen.

Dann lief er zurück nach oben.

Die Pfütze unter der Tür zog sich zusammen. Ein zerbrochenes Glas auf der Werkbank setzte sich aus seinen Splittern wieder zusammen. Die rußige Flamme einer Lampe wurde kleiner, verschwand im Docht und entzündete sich im nächsten Augenblick erneut.

Lio hörte seine Mutter lachen.

Nicht draußen vor der Tür.

Hinter ihm.

Er drehte sich um.

Für den Bruchteil einer Sekunde stand sie am Arbeitstisch. Genau so, wie er sie in Erinnerung hatte: das dunkle Haar hochgesteckt, Mehl auf der Wange, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Du bist schon wieder zu spät“, sagte sie.

Lio machte einen Schritt auf sie zu.

Eine Hand packte ihn am Kragen.

„Nicht“, sagte das Mädchen.

Die Werkstatt sprang zurück in die Nacht.

Seine Mutter war fort.

Deren taumelte gegen den Schrank. Die offene Taschenuhr lag in seiner Hand. Wo ein Zifferblatt hätte sein müssen, drehte sich langsam ein schwarzer Kreis. Um ihn herum liefen winzige silberne Zeichen, viel zu schnell, um sie zu lesen.

„Schließen Sie sie!“, rief Lio.

Deren presste den Daumen auf den Deckel. Nichts geschah.

„Das kann ich nicht mehr.“

Das Mädchen fluchte leise.

„Dann müssen wir gehen.“

„Wer bist du überhaupt?“, fragte Lio.

„Nara.“

„Und woher kennst du mich?“

Sie hob die abgeschraubte Laternenlinse.

„Später.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch. Nur keine, die dir gefällt.“

Vom Hafen kam wieder das Horn. Diesmal folgte ihm ein zweiter Ton, noch tiefer als der erste.

Deren wurde blass.

„Zwei“, sagte er.

„Was bedeutet zwei?“

„Dass sie die Kette lösen.“

Nara packte Lio am Handgelenk.

„Wenn du zum Leuchtturm willst, dann jetzt.“

Lio sah zu Deren.

„Ich lasse ihn nicht hier.“

Der alte Uhrmacher hob den Blick. Zum ersten Mal seit Lio ihn kannte, sah er nicht streng, müde oder verärgert aus.

Er sah verängstigt aus.

„Doch“, sagte er. „Diesmal tust du genau das.“

„Meister—“

„Ich habe die Uhr geöffnet. Nicht du.“

Deren legte die freie Hand auf den Arbeitstisch. Seine Finger zitterten.

„Und falls du dort draußen etwas findest, das dir verspricht, dir einen Tag zurückzugeben: Hör nicht hin.“

Lio dachte an seine Mutter.

Deren musste es in seinem Gesicht gesehen haben.

„Vor allem dann nicht“, sagte er.

Nara zog Lio zur Hintertür.

Abschnitt 2

Eine Stadt zwischen Augenblicken

Lio und Nara verlassen die Werkstatt und betreten ein Tiraven, das seine Zeit verloren hat. (KI-generierte Illustration)
Lio und Nara verlassen die Werkstatt und betreten ein Tiraven, das seine Zeit verloren hat. (KI-generierte Illustration)

Als sie hinaustraten, schloss Deren den Riegel hinter ihnen.

Die Gasse war leer.

Tiraven lag im Dunkeln, aber nicht in der Dunkelheit einer gewöhnlichen Nacht. In manchen Fenstern brannten Lampen. In anderen war heller Vormittag zu sehen. Hinter einer Scheibe stand ein Mann und rasierte sich. Zwei Häuser weiter saß dieselbe Person bereits am Mittagstisch.

Ein Karren stand schräg auf dem Pflaster. Ein Apfel war aus einem Korb gefallen.

Lio sah zu, wie er über einen Stein rollte, liegen blieb und wieder zurück in den Korb sprang.

„Was passiert hier?“

Nara ging weiter.

„Die Stadt kann sich nicht entscheiden, welcher Augenblick ihr gehört.“

„Und du sagst das, als wäre es normal.“

„Normal? Nein.“

Sie drehte sich kurz um.

„Bekannt? Leider ja.“

Lio blieb stehen.

„Du warst schon einmal hier.“

„Ich bin jeden Tag hier.“

„Du weißt, was ich meine.“

Nara schwieg.

In ihrer rechten Hand hielt sie noch immer die Laternenlinse. Jetzt hob sie sie vor ihr Gesicht.

Durch das Glas veränderte sich die Gasse.

Zwischen zwei Häusern erschien ein schmaler Weg aus dunklem Pflaster.

Lio blinzelte.

Ohne die Linse war dort nur eine Mauer.

Mit der Linse führte eine Straße hindurch.

Genau die Straße von seiner Karte.

„Das gibt es nicht“, sagte er.

„Das ist heute ein ziemlich schlechter Einwand.“

Nara hielt ihm die Linse hin.

Lio sah hindurch.

Der Weg zog sich zwischen den Häusern entlang, über den Marktplatz und hinunter zum Hafen. Überall dort, wo er verlief, schimmerte das Pflaster schwach blau.

Menschen gingen daran vorbei, ohne ihn zu bemerken.

„Warum sehen die anderen ihn nicht?“

„Weil er noch nicht da ist.“

„Ich sehe ihn doch.“

„Du hast ihn auch gebaut.“

Lio senkte die Linse.

„Jetzt reicht es.“

„Womit?“

„Mit diesen Antworten, die alles nur schlimmer machen.“

Nara atmete hörbar aus.

Dann zog sie ihren roten Ärmel hoch.

Darunter war kein Blut.

Der Stoff war mit dunkler Farbe getränkt. Auf ihrem Unterarm verlief eine dünne Narbe vom Handgelenk bis zum Ellenbogen. In die Haut waren kleine Zeichen eingeritzt, ähnlich denen, die um Derens Taschenuhr gekreist waren.

„Du willst eine gute Antwort?“ fragte sie.

Lio nickte.

„Ich habe dich getroffen.“

„Wann?“

„Morgen.“

Lio sagte nichts.

Abschnitt 3

Morgen kennt dich schon

„Du hast mir diese Linse gegeben. Du hast mir gesagt, ich soll heute zu eurer Werkstatt kommen. Du hast gesagt, du würdest mich nicht kennen und ich soll keine Zeit mit Erklärungen verschwenden.“

„Das ist unmöglich.“

„Das hast du morgen auch gesagt.“

„Wenn du mich morgen getroffen hast, dann kommt der Morgen doch.“

Nara sah ihn lange an.

„Vielleicht.“

„Was heißt vielleicht?“

„Dass ich nicht weiß, ob es dein Morgen war.“

Das dritte Horn ertönte.

Unten am Hafen bewegte sich etwas.

Zwischen den Masten lag das schwarze Schiff.

Jetzt konnte Lio es deutlicher sehen. Der Rumpf war so dunkel, dass er das wenige Licht der Hafenlaternen zu verschlucken schien. Keine Segel. Keine Flagge. Am Bug hing die schwere Kette mit der kleinen schwarzen Sonne.

Gestalten standen an Deck.

Sie bewegten sich nicht.

Und trotzdem hatte Lio das Gefühl, dass jede von ihnen direkt zu ihm sah.

„Wie viele Hornsignale gibt es?“ fragte er.

„Sieben.“

„Natürlich sieben.“

Nara lächelte zum ersten Mal.

„Tiraven mag diese Zahl.“

Sie folgten dem blauen Weg.

Er führte über den Marktplatz. Der trockene Brunnen in der Mitte war bis zum Rand mit schwarzem Wasser gefüllt. Darin spiegelte sich kein Himmel, sondern ein heller Nachmittag.

Ein kleiner Junge stand daneben und warf immer wieder dieselbe Münze hinein.

Die Münze fiel.

Ein Platschen.

Dann lag sie wieder in seiner Hand.

Der Junge schien es nicht zu bemerken.

Lio wollte ihn ansprechen.

Nara zog ihn weiter.

„Nicht jeden Augenblick anfassen, den du nicht verstehst.“

„Das sagt die Richtige.“

„Ich habe sehr viel Übung darin, schlechte Entscheidungen zu erkennen.“

„Weil du so viele triffst?“

„Genau.“

Am Kai endete das Pflaster.

Zumindest für jeden, der keine Laternenlinse besaß.

Durch das Glas führte der Weg weiter.

Direkt über das Wasser.

Dunkle Pflastersteine lagen auf den Wellen, als hätte jemand eine Straße auf das Meer gelegt.

„Nein“, sagte Lio.

Nara setzte einen Fuß auf den ersten Stein.

„Doch.“

„Das trägt niemals.“

„Morgen hat es getragen.“

„Hör auf, das zu sagen.“

„Dann frag nicht ständig.“

Sie ging los.

Der Stein sank keinen Fingerbreit ein.

Lio sah zurück.

Hinter den Dächern ragte der Uhrturm auf. Kein Licht in der Werkstatt. Keine Bewegung.

Er dachte an Deren allein mit der offenen Uhr.

Abschnitt 4

Der Weg über das Wasser

Der unmögliche Weg führt über das schwarze Hafenwasser zum alten Leuchtturm. (KI-generierte Illustration)
Der unmögliche Weg führt über das schwarze Hafenwasser zum alten Leuchtturm. (KI-generierte Illustration)

Dann trat er auf das Wasser.

Unter seinen Füßen war der Stein kalt und fest.

Links von ihnen lag das schwarze Schiff.

Als sie ungefähr die Hälfte des Hafens überquert hatten, hob eine der Gestalten an Deck langsam einen Arm.

Nara blieb stehen.

„Nicht hinsehen.“

Natürlich sah Lio hin.

Die Gestalt trug einen langen Mantel. Dort, wo ihr Gesicht sein sollte, war nur eine glatte, helle Fläche.

Sie hob die Hand.

In ihren Fingern hing eine Taschenuhr.

Lios Taschenuhr.

Er erkannte die kleine Kerbe am Rand. Er hatte sie vor zwei Jahren verursacht, als ihm das Gehäuse vom Arbeitstisch gefallen war.

Nur lag seine Uhr zu Hause in einer Schublade.

„Nara.“

„Weitergehen.“

„Sie hat meine Uhr.“

„Ich weiß.“

„Woher?“

„Weil sie sie gestern von dir bekommen hat.“

Lio blieb stehen.

„Gestern?“

Nara schloss für einen Moment die Augen.

„Das ist der Teil, den ich dir eigentlich erst im Leuchtturm sagen wollte.“

Das vierte Horn dröhnte durch den Hafen.

Die Kette am Bug des schwarzen Schiffes ruckte.

Ein Glied löste sich vom Kai.

„Dann beweg dich“, sagte Nara.

Sie rannten.

Abschnitt 5

Die Namen im Leuchtturm

Der Weg führte zu einer kleinen Felseninsel vor Tiraven. Auf ihr stand der alte Leuchtturm, seit Jahren außer Betrieb. Seine weiße Fassade war grau geworden, die Fenster blind vor Salz.

Die Tür stand offen.

„War sie morgen auch offen?“ fragte Lio.

„Nein.“

„Na endlich etwas Neues.“

Drinnen roch es nach kaltem Stein und altem Öl.

Eine Wendeltreppe führte nach oben. An den Wänden verliefen Hunderte eingeritzte Linien, Namen und Daten.

Manche Namen waren kaum noch zu lesen.

Andere sahen frisch aus.

Nara hob die Laternenlinse.

Im blauen Schimmer erschienen weitere Schriftzüge.

Lio las Namen, die er kannte.

Hafenmeister Senn.

Frau Yara aus der Bäckerei.

Meister Deren.

Neben Derens Namen standen sieben Daten.

Sechs waren durchgestrichen.

Das letzte war heute.

„Was ist das?“ fragte Lio.

Nara antwortete nicht.

Sie ging einige Stufen hinauf und blieb plötzlich stehen.

„Lio.“

Er hörte an ihrer Stimme, dass etwas nicht stimmte.

Unter ihrer Hand war ein Name in den Stein geritzt.

LIO.

Nicht klein. Nicht versteckt.

Tief in die Wand geschnitten.

Darunter stand ein Datum.

Lio musste zweimal hinsehen.

Es war das Datum von gestern.

„Das kann nicht sein“, sagte er.

Er strich mit den Fingern über die Buchstaben.

Der Stein war kalt.

In der letzten Kerbe klebte feiner weißer Staub.

Die Inschrift war frisch.

Über ihnen begann im Leuchtturm ein Uhrwerk zu ticken.

Langsam.

Einmal.

Zweimal.

Nara hob den Blick zur Treppe.

„Wir sind zu früh.“

„Wofür?“

Oben ging ein Licht an.

Warm. Golden.

Wie Morgenlicht.

Und aus der Laternenkammer sagte Lios eigene Stimme:

„Endlich.“

Fortsetzung folgt.

„Ich habe dich getroffen.“ – „Wann?“ – „Morgen.“

Aus Kapitel 2

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Bald geht es weiter ···