Warum vergleichen wir unser echtes Leben mit den besten Momenten der anderen?

Ein kurzer Blick aufs Handy reicht manchmal schon.
Jemand sitzt am Meer. Jemand hat gerade einen neuen Job. Ein anderer zeigt sein perfektes Frühstück, die neue Wohnung oder einen Abend, an dem offenbar alle unglaublich glücklich sind.
Und während wir selbst vielleicht mit einer Tasse Kaffee zwischen Wäschekorb, E-Mails und einem ganz normalen Montag sitzen, kommt dieser kleine Gedanke:
Warum sieht mein Leben eigentlich nicht so aus?
Wir sehen Ausschnitte – keine ganzen Tage
Eigentlich wissen wir das.
Kaum jemand zeigt jeden müden Morgen, jede Unsicherheit, jede Diskussion, jeden langweiligen Einkauf und die Stunde, in der überhaupt nichts Interessantes passiert.
Wir zeigen eher den Sonnenuntergang als die Parkplatzsuche davor. Den fertigen Kuchen statt der Küche danach. Den Urlaubstag am Strand und nicht unbedingt den Streit darüber, wer den Koffer falsch gepackt hat.
Das ist nicht verwerflich. Ich mache es genauso. Ein schönes Bild ist eben schöner anzusehen als das Chaos daneben.
Problematisch wird es erst, wenn wir vergessen, dass es ein Ausschnitt ist.
Wir vergleichen manchmal unser ganzes Leben mit dem schönsten Ausschnitt eines anderen.
der uNi
Der Vergleich ist von Anfang an unfair
Auf der einen Seite kennen wir bei uns selbst alles.
Die Zweifel. Die Rechnungen. Die Dinge, die noch nicht funktionieren. Die Pläne, die wieder verschoben wurden. Die Tage, an denen wir uns nicht besonders erfolgreich, interessant oder fotogen fühlen.
Von anderen sehen wir dagegen oft das Ergebnis.
Nicht die zehn Versuche davor. Nicht die Absage. Nicht die schlechte Woche. Nicht die Unsicherheit hinter dem Lächeln.
Wir vergleichen also unsere komplette Rohfassung mit dem fertigen Bild eines anderen.
Natürlich verlieren wir dabei.
Auch ein schönes Leben besteht aus normalen Dienstagen
Ich glaube, das vergesse ich selbst manchmal.
Ein gutes Leben fühlt sich nicht jeden Tag wie ein Höhepunkt an. Es besteht größtenteils aus ziemlich normalen Stunden.
Arbeiten. Einkaufen. Kochen. Warten. Aufräumen. Nachrichten beantworten. Müdigkeit. Kleine Sorgen. Kleine Freuden.
Und genau dazwischen passieren die Dinge, an die wir uns später erinnern.
Ein Gespräch. Eine Reise. Ein Lied. Ein Abend, an dem plötzlich alles leicht war. Ein Mensch, der im richtigen Moment da war.
Das Besondere wäre vermutlich gar nicht besonders, wenn jeder Tag so aussehen würde.
Manchmal zeigt uns Neid sogar etwas
Ich möchte das Gefühl deshalb auch nicht komplett schlechtreden.
Wenn mich etwas bei einem anderen Menschen immer wieder sticht, kann ich mich fragen: Was genau wünsche ich mir da eigentlich?
Ist es wirklich das Auto? Oder wünsche ich mir mehr Freiheit?
Ist es wirklich der Urlaub? Oder fehlt mir gerade einfach eine Pause?
Ist es der berufliche Erfolg? Oder möchte ich endlich etwas Eigenes aufbauen?
Dann wird aus dem Vergleich vielleicht keine schlechte Laune, sondern eine Information über mich selbst.
Ein bisschen weniger Schaufenster
Vielleicht müssen wir Social Media dafür nicht verteufeln oder das Handy in den See werfen.
Mir hilft eher die Erinnerung daran, was ich gerade wirklich sehe:
ein Bild, einen Moment, eine Auswahl.
Nicht das ganze Leben dahinter.
Und wenn ich merke, dass mir das Scrollen gerade mehr das Gefühl gibt, zu wenig zu sein, als mir Freude zu machen, darf ich es auch einfach schließen.
Das eigene Leben findet schließlich nicht auf dem Bildschirm statt.
Es passiert genau dort, wo wir gerade sitzen, gehen, lachen, arbeiten, zweifeln und irgendwann wieder etwas erleben, von dem vielleicht sogar wir selbst ein schönes Foto machen.
Bei wem oder wobei erwischst du dich manchmal beim Vergleichen – und was steckt vielleicht wirklich dahinter?
Marco, der uNi
